Literarische Miniaturen

Die Wasserträgerin

In Calvi läuft mir auf dem Gehweg das Regenwasser in Rinnsalen entgegen. Neben mir stauen sich die Autos bis zum Kreisverkehr. Am Kreisverkehr angekommen, quere ich die Straße. Ich bleibe stehen. Auf der blumigen Verkehrsinsel schaut mir eine stolze Frau entgegen.…

Eine Form des Wassers

Das Wasser rauscht. Der Aletschgletscher zieht sich durch das Tal. Geröll und Eis, eine grauweiße Zunge, die in der Ferne eine Biegung macht. Dahinter erheben sich Jungfrau und Mönch, leicht von Wolken verhüllt. Von Stein zu Stein folge ich dem Eis,…

Der Jahrhundertstein

Der Waldpfad schlängelt sich über die Höhe des Albtraufs. Ein grüner Tunnel. Die Sonne fällt durch das Blätterdach. Mücken schwirren um den Kopf. Zwischen den Bäumen erahne ich in der Tiefe Städte und Dörfer. Ich trete auf ein Feld hinaus. An…

Die Schnellläuferinn

„Wie es mir geht?“, schreibt Annette von Droste-Hülshoff am 10. Oktober 1842 an ihren Vertrauten Levin Schücking. Sie ist fünfundvierzig Jahre alt. „(…) ich habe mich wieder ins Clima eingeübt, qualifizire mich täglich mehr zur Schnellläuferinn, gehe ganz bequem in einem…

Die Blüte und die Garbe

Ich gehe von Drostes Rüschhaus aus dem Wald auf die Felder hinaus. Die Kastanienblätter rauschen. Das Getreide ist getroschen. Flach geht der Weg dahin, die Schritte schnell. An der Kreuzung ein Wäldchen mit ein paar Radfahrern vor einem großen, schmalen Naturstein.…

Auf der Burg

Ich laufe auf einem Pfad in Burghausen. Die Rosensträucher blühen. Der Schotter knirscht unter meinen Sandalen. Große Steinkugeln säumen den Weg. Einst Kanonenkugeln, heute Wegweiser zur Burg. Eine Menschentraube scharrt sich um die Führerin. Sie erzählt von Herzögen, Hochzeiten und Kriegen.…

Das Protokollbuch

Ich betrete den Lesesaal des Archivs. Die Aufsichtsperson hinter der Theke lächelt mir freundlich zu.“Sind Sie auch heute wieder da?““Ja, ich habe mir das Protokollbuch von 1627 noch einmal zur Einsicht bestellt. Ich habe noch nicht das gefunden, was ich suche.“Sie…

Blickfang

Ich schlendere über die Ausstellungsflächen der Blickfang in der Stuttgarter Liederhalle. Von Möbeln zur Mode, von Accessoires zu neuen Ideen. Ich biege um die Ecke und bleibe stehen. Der schwarze Mantel hängt zwischen anderen Stücken. Die Nähte sind sauber verarbeitet. Das…

Ohne Akzent

Ich gehe durch die Ausstellungsräume der Fondation Beyeler. Viele Besucher drängeln sich im Eingangsbereich. Die Luft steht. Groß an der Wand: Cezanne. Ich muss zweimal hinsehen, um zu verstehen, was mich irritiert. Ohne Akzent. So wie er in seinen Briefen selbst unterschrieb.…

NEMO 1934

„Mein Sohn Everett war dort. Er hat uns mit ‚Nemo‘ ein Zeichen hinterlassen,“ schreibt die Mutter an den Polizeibeamten. Ich klettere über die roten Felsen und blicke mich um.Der Horizont flirrt in der Hitze.Ich setze einen Schritt, rutsche ab, fange mich.Vorsichtig…

Cirque de la Solitude

„Ich hatte viele Schuldgefühle. Ich war der Überlebende. Und ich habe mich gefragt, warum ich damit durchgekommen bin und sie nicht.“ erzählt Benoît. Tage zuvor trafen sie sich am Anfang des Weges. Erfahrene Bergwanderer. Gewitter kamen und gingen. Aber dieser Morgen…

Das Bücherhaus

Ich laufe über den Schlossplatz auf den Eingang des Buchhauses Wittwer zu. Der Beton ist grau. Die Luft kühlt ab. Die ersten Blätter der Platanen auf der Königstraße färben sich gelb. Eine Frau wartet vor der Tür und blickt sich suchend…

Der Wanderstock

Ich komme vom Zug und gehe zum Busbahnhof. Die Sonne geht unter. Die Schatten werden länger. Ich warte.Er kommt aus der Tür des Seniorenheims. Hinkend überquert er die Straße, gestützt auf einen braunen, geschwungenen Wanderstock. Er setzt sich auf die Wartebank…

Der Balkon

Meine ersten Erinnerungen an Stuttgart haben keinen Blick auf die Stadt. Wir stehen vor der Haustür des Mehrfamilienhauses. Der Autoverkehr klingt hier nur gedämpft herauf. Zum Zeichen drücken wir zweimal auf die Klingel. Trotzdem begrüßt uns die Großmutter immer zuerst über…

Der Heimkehrer

Ich laufe den Berg hinunter in das Dorf hinein. Die Wanderstöcke auf dem Asphalt geben den Takt vor. In der Ferne sehe ich an einem Steinhaus das seit vielen Wochen vertraute gelbe Muschelzeichen auf blauem Grund. Den ganzen Tag weist sie…

Das Thermometer

Meine Großeltern haben nie über ihre Heimat gesprochen. Meine Mutter und ihr Cousin erzählen aus Kindheitserinnerungen vom Besuch bei Verwandten. Vom Baden in der Donau, vom Wassermelonenreiten auf dem Traktor, vom Stibitzen der Trauben während der Weinlese, vom Spielen in den…

Der König der Civetta

Keuchend schleppe ich mich den Berg hinauf. Der Rucksack schneidet in meine Schultern und zieht mich rückwärts ins Tal. Ich nehme einen Schluck aus meiner Wasserflasche und schaue in die steil aufragende Geröllwand der Civetta neben mir. Weit oben klettert ein…

Sie läuft

Jeden Tag laufe ich am Neckarufer. Als ich sie zum ersten Mal sah, habe ich sie kaum wahrgenommen. Sie bog von der Brücke ein und trippelte vor mir her. Hin und wieder begegnet sie mir. Sie läuft immer in die gleiche…

Everett Ruess-Zyklus

I. Am Meer „Gestern war es schön“, schreibt Everett, ein junger Reisender, an seine Mutter. Früh am Morgen erwacht er allein unter den Kiefern. Los Angeles ist weit weg. Er wandert den Strand entlang. Muscheln, Seetang und Seesterne sind seine Begleiter.…

Der Stein an der Wegbiegung

Ich laufe aus dem Dorf den geschwungenen Feldweg entlang. Der Kies knirscht unter meinen Sohlen. Blumen und Getreidefelder wiegen sich im Wind. In der Ferne stehen die weißen Gipfel der Alpen. Ein Traktor mäht das Gras. Den Stein an der Wegbiegung…

Das Ohr

Ich laufe am Neckarufer entlang. Die ersten warmen Sonnenstrahlen begrüßen das neue Jahr. Fahrräder surren vorbei. Hunde bellen. Kinder lachen. Ein Vater setzt sein Kleinkind ab. Sofort bricht lautes Weinen aus. „Willst du nicht gehen?“ fragt er. Er nimmt seine Tochter…

Die vielleicht ehrlichste Tafel der Stadt

Ein junger Hund jagt um den Tübinger Marktbrunnen. Gelächter und Stimmen sammeln sich vor den Cafés und hallen über den Marktplatz. Eine Studentin stellt ihre Kaffeetasse auf das aufgeklappte Buch neben ihren Laptop. Sie ruft ihren Hund zu sich. Ich gehe…

Zu verschenken

Ich bin auf dem Weg nach Hause, laufe durch die Straßen der Stadt. Das Laub tanzt im Wind. In den Fenstern gehen die ersten Lichter an. Neben einer Haustür sitzt ein Mädchen vor einer Kiste. Sie nimmt ein Buch heraus, liest…