Der Jahrhundertstein

Der Waldpfad schlängelt sich über die Höhe des Albtraufs. Ein grüner Tunnel. Die Sonne fällt durch das Blätterdach. Mücken schwirren um den Kopf. Zwischen den Bäumen erahne ich in der Tiefe Städte und Dörfer.

Ich trete auf ein Feld hinaus.

An einem Busch steht ein großer Stein. Ich streiche mit den Fingern über die Gravur. Jahrhundertstein.

Ich blicke mich um.

Getreide wiegt sich im Wind. Die Blätter rauschen.

Kein Strommast. Kein Funkmast. Kein Windrad.

Zeitlos.

Ich folge der Einladung des Steins und trete zwischen den Bäumen hindurch.

Ich komme auf eine Rasenfläche.
Große Mauerreste stehen darin.

Eine Tafel erzählt vom Kunstprojekt, von der Idee dem 20. Jahrhundert mit Hundert Wörtern zu erinnern.

Ich laufe die riesigen Betonblöcke entlang. Wort um Wort in Stein geritzt.

Jedes Wort öffnet mir eine andere Tür.

Als Kind legte ich eine D-Mark auf den Ladentisch im Kiosk und steckte die Fruchtgummis in die Jackentasche.

Nach Tschernobyl blieb ich am Kinderzimmerfenster stehen. Regen macht krank, sagten die Eltern.

Als der Eiserne Vorhang fiel, pfiffen die Scorpions Wind of Change. Wenig später saßen neue Mitschüler aus dem Osten neben uns im Klassenzimmer.

Zur Popmusik tanzten und lachten wir in der Schuldisco, während uns die Jungs verstohlen von der Seite beobachteten.

Ich trete wieder auf das Feld hinaus.

Eine paar Teenager kommen mir entgegen. Reden von Google, Selfie und Podcast.

Lächelnd gehe ich weiter.