„Wie es mir geht?“, schreibt Annette von Droste-Hülshoff am 10. Oktober 1842 an ihren Vertrauten Levin Schücking. Sie ist fünfundvierzig Jahre alt. „(…) ich habe mich wieder ins Clima eingeübt, qualifizire mich täglich mehr zur Schnellläuferinn, gehe ganz bequem in einem Tage nach Hülshoff oder Münster und zurück und setze Alle außer Athem, die Schritt mit mir halten müssen.“
An einen Sommertag trete ich aus Drostes Rüschhaus hinaus. Die Cafebetreiberin sitzt vor dem Haus und steckt Blumengewinde.
Ich frage sie nach dem Weg zur Burg.
Sie zeigt Richtung Wald.
„Gehen Sie gerade aus, über die Felder, beim Droste Denkmal vorbei, irgendwann kommt der Bach.
Folgen Sie den Schildern des Lyrikwegs, sie führen Sie direkt zur Burg.
Wenn Sie schnell gehen,“ sie wiegt den Kopf hin und her, „vielleicht eineinhalb Stunden.“
Ich bedanke mich und gehe weiter.
Sie ruft mir hinterher.
„Übersehen Sie den Abzweig zum Haus Vögeding nicht!“
Sie streicht sich lachend mit dem Handrücken eine braune Locke aus der Stirn.
„Dort hat die Droste-Hülshoff, wenn sie zwischen Haus und Burg unterwegs war, immer einen Zwischenstopp gemacht und eine Buttermilch getrunken.“
Ich winke ihr zum Abschied zu.
Ich trete in den Wald. Die Blätter rauschen. Die Sonne fällt durch die Baumwipfel und zeichnet Schatten auf dem Weg.
Ich höre Schritte hinter mir, die immer näher kommen.
Sie setzen zum Überholen an.
Annette läuft mit wehendem Rock an mir vorbei. Das Gesicht gerötet, der Atem schnell. Eine graue Haarsträhne hat sich aus ihrem Knoten gelöst.
Lachend blickt sie über die Schulter zurück und ruft ihrer Schwester zu, schneller zu gehen.
Auch ich lege einen Schritt zu.