Das Thermometer

Meine Großeltern haben nie über ihre Heimat gesprochen.

Meine Mutter und ihr Cousin erzählen aus Kindheitserinnerungen vom Besuch bei Verwandten. Vom Baden in der Donau, vom Wassermelonenreiten auf dem Traktor, vom Stibitzen der Trauben während der Weinlese, vom Spielen in den Kukuruzfeldern. Einmal hätten sie sich im Labyrinth so sehr verirrt, dass sie lange Zeit nicht mehr herausgefunden hätten, lacht meine Mutter.

Nach dem Tod meiner Großmutter gehe ich in ihren Keller.

Ich fröstele.

Ich ziehe eine Kiste aus dem Regal. Obenauf liegt ein braunes Bild mit einem Quecksilberthermometer.

Über dem Thermometer ist das Bild eines Kupferstichs abgebildet. Eine Festung thront auf einem Hügel. Zu ihren Füßen fließt ein Fluss.

Die Festung von Novi Sad. Viele Menschen verloren durch die Jahrhunderte bei den zahlreichen Schlachten ihr Leben. Für die Schifffahrer ist der Kirchturm ein Wahrzeichen. Für meine Großeltern war das Thermometer eine Erinnerung an die Heimat.

Vor dem Tod des Großvaters hing es auf dem Balkon.

Ich frage mich, wann die Großmutter es abgenommen hat.