Meine ersten Erinnerungen an Stuttgart haben keinen Blick auf die Stadt.
Wir stehen vor der Haustür des Mehrfamilienhauses. Der Autoverkehr klingt hier nur gedämpft herauf. Zum Zeichen drücken wir zweimal auf die Klingel. Trotzdem begrüßt uns die Großmutter immer zuerst über den Balkon. Der Duft von Zwetschgenknödel zieht aus der Küche durch die kleine Wohnung. Und wenn wir Kinder immer noch nicht genug vom Süßen haben, gibt es noch die Schublade im Wohnzimmer.
Der Schrebergarten liegt nicht weit entfernt. Meine kleine Hand schlüpft in die raue des Großvaters. Nach dem Überqueren der Straße und der Straßenbahntrasse laufen wir an Maisfeldern vorbei in die Kleingartenanlage. Auf den Steinplatten zwischen den Johannisbeeren spielen wir Fangen, auf dem Rasen Fußball, und mit den Wassermelonenkernen spucken wir um die Wette.
Die Ferien gehen zu Ende. Das Winken der Großmutter vom Balkon zum Abschied ist jedes Mal auch ein Versprechen zugleich: Wir werden wiederkommen.
Lange Zeit war Stuttgart für mich ein Ort der Ferien. Ein Ort des Ankommens und des Wegfahrens. Erst als junge Frau wurde Stuttgart zu meinem eigenen Ort. Dann ging ich andere Wege, lebte an anderen Orten, reiste viel und lief über die Alpen nach Süden.
Die Welt wurde größer, die Wege länger.
Und doch führt mich mein Weg immer wieder hierher zurück.
Auf mich wirkt Stuttgart nicht wie ein geschlossener Kessel. Von Oben öffnen sich die Hügel zum Neckar hin, als würde sich die Landschaft selbst weiterführen wollen. Vielleicht ist es das, was mich hier hält: Diese Stadt bewahrt Erinnerungen, ohne festzuhalten.
Ich reise noch immer gern. Ich gehe weiter, entdecke neue Wege und andere Landschaften. Aber Stuttgart ist der Ort, an den ich zurückkehre — nicht weil ich geblieben bin, sondern weil ein Teil meines Weges hier begonnen hat.