Das Bücherhaus

Ich laufe über den Schlossplatz auf den Eingang des Buchhauses Wittwer zu. Der Beton ist grau. Die Luft kühlt ab. Die ersten Blätter der Platanen auf der Königstraße färben sich gelb.

Eine Frau wartet vor der Tür und blickt sich suchend um. Mit einem lauten Hallo läuft sie auf mich zu.

„Wir haben uns lange nicht gesehen. Schön, dass es geklappt hat.“ lacht sie – und nimmt die Frau direkt hinter mir in die Arme.
„Wo der Wittwer ist, weiß ich auch nach all den Jahren noch. Den kann man nicht verfehlen.“ antwortet die Freundin.

Die Schiebetüren öffnen sich. Kunden drängeln von Regal zu Regal. Bücher stapeln sich. Ich bewege mich durch Welten voller Geschichten.

Vor der Comicwand sitzt ein Kind mit einer Mangamaske.
Eine Frau steht vor dem Krimiregal, nimmt ein Buch nach dem anderen heraus, liest die letzte Seite, und stellt es wieder zurück.

Ein sanfter Duft lockt ein Stockwerk nach oben, ins Café. Tassen klappern.
Eine Studentin blättert andächtig in einem Bauhaus-Bildband.
Eine alte Frau legt das Lexikon zur Weltgeschichte beiseite.
Ein Mann sitzt in einem Flugzeugsitz, neben sich einen Stapel Reiseführer in ferne Länder.
Kinder rennen lachend an mir vorbei die Treppe hinauf zur Schulabteilung.
Eine ältere Frau hilft einem Teenager bei der Suche nach einem Heft zum Lernen der deutschen Sprache.
Ein Mann im Anzug studiert Bücher zum Recht.
Eine Frau im Blumenkleid gleitet durch die Esoterikregale.

Zwei Verkäuferinnen sortieren die Neuanlieferungen zur Psychologie ein.
Die Junge wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.
„Gut, dass das Haus abgerissen wird. Hier oben hat man fast keine Luft zum Atmen.“
Die Alte hält einen Moment inne.
„Ich werde es vermissen.“

Ich gehe die Treppen wieder hinunter und trete zur Schiebetür hinaus.

Das Haus wird mir fehlen.
Die Geschichten bleiben.