Ein junger Hund jagt um den Tübinger Marktbrunnen. Gelächter und Stimmen sammeln sich vor den Cafés und hallen über den Marktplatz. Eine Studentin stellt ihre Kaffeetasse auf das aufgeklappte Buch neben ihren Laptop. Sie ruft ihren Hund zu sich.
Ich gehe weiter durch die Altstadt, an schönen Fachwerkhäusern vorbei. Jedes Haus hat viel zu erzählen. Fast an jeder Wand stehen Namen, Geschichten und Jahreszahlen.
Dieses Schild hätte ich fast übersehen.
Die Gasse schlängelt sich ihren Weg durch die Fachwerkhäuser. Verzierten Fenstersimsen sind einfache Rahmen mit abbröckelnder Farbe gewichen. Die Hauswände drängen sich so dicht zusammen, dass der Himmel weit oben nur als schmaler Streifen sichtbar bleibt.
Unter einem kleinen Giebelfenster erkenne ich ein weißes Pappschild. Ich lese: Goethe. Wer sonst? Schon eine einzige Übernachtung genügt, damit sein Name an einer Häuserwand erscheint.
Ich blicke mich um. Ich suche nach einer Jahreszahl, nach einem Hinweis auf einen Aufenthalt. Aber hier in der hinteren Reihe hat Goethe weder gewohnt noch geschlafen.
Der schön geschwungenen schwarzen Handschrift auf dem weißen Pappdeckel traut man solche rohen Worte gar nicht zu. Ich muss zweimal lesen:
„Hier kotzte Goethe.“
Ich gehe weiter Richtung Schloss.
Zwischen all den Tafeln, Namen und Jahreszahlen wirkt dieser eine Satz fast ehrlicher als die übrigen.