42 Schuh

Ich betrete den Hölderlinturm.

Und bleibe stehen.

Mit großen, festen Schritten stürmt ein Mann auf mich zu. Der Mantel weht. Die Füße stampfen. Kurz vor mir bleibt er stehen.

„Das sollen 42 Schuh sein?“

Er lacht.

„Die hatten damals aber kleine Füße.“

Er dreht sich beschwingt um und läuft den Gang wieder zurück, direkt zur Hintertür hinaus.

Ich schaue ihm nach.

Die Dame hinter der Kasse lacht mich an und winkt mit der Hand ab.

„Sie müssen nicht verwirrt sein. Das kommt öfter vor.

Der Hölderlin ist hier in seinen letzten Jahren auf und ab marschiert. Zweiundvierzig Schuh lang soll der Gang gewesen sein. Steht jedenfalls so in den Quellen.“
Sie schaut zur Hintertür.
„Und immer in seinem eigenen Rhythmus.
Vielleicht können Sie das sogar an der Geschwindigkeit seiner Gedichte erkennen. Die Gedichte in seinen jungen Jahren haben ein anderes Tempo als die aus der Turmzeit. Oder nehmen Sie den Vergleich zu Goethe. Dessen Gedichte sind behäbig, Hölderlin hingegen.“

Sie sucht nach dem Wort. Zuckt mit den Schultern und lächelt.

„Zackig?“

Sie winkt ab.

„Aber was weiß ich schon. Machen Sie sich gerne selber ein Bild.“

Sie zeigt mit dem Arm nach links.

„Hier unten finden Sie unsere aktuelle Ausstellung. Hölderlins Zimmer finden Sie oben.“

Ich bedanke mich und nehme die Wendeltreppe nach oben.
Langsam.
Stufe für Stufe.
Zackig ist anders.